Bärenfalle Picnic: Warum ein hipper Milchmann Aldi und Co. gefährlich werden könnte

“Die Milch ist schon wieder alle! Wo ist mein Handy?” – Wo früher noch der Gang zum Supermarkt oder dem Discounter um die Ecke zum wöchentlichen Pflichtprogramm zählte, könnte schon bald  das Smartphone zum Verbleiben auf der Couch einladen. Denn geliefert werden Milch, Schokoaufstrich, Klopapier und alles andere für den täglichen Bedarf von einem gepflegten Supermarkt-Hipster. Alles im festen Lieferungs-Zeitfenster, damit man auch garantiert zu Hause ist. Und den leeren Wasserkasten nimmt der Hipster auch gleich mit – im schicken nachhaltigen Elektro-Flitzer.

Picnics kleine Electro-Vans für den großen Verkehr in der Stadt (Quelle: www.picnic.app)

Dieses Szenario ist in manchen deutschen Städten schon keine Utopie mehr. Und auch in den Niederlanden zählt die Online-Bestellung von Lebensmitteln längst zur Normalität. Grund für diesen Boom im Nachbarland ist der Online-Supermarkt Picnic.  Mit 175 Tausend Kunden in 55 Städten ist der in den Niederlanden extrem erfolgreich und macht sich auch immer mehr in Deutschland breit. Mit einem Investitionsvolumen von rund 15 Millionen Euro will man das Land des “Geiz ist Geil”-Slogans aufrollen. Bisher ist Picnic im Rheinland unterwegs: Neuss, Meerbusch, Düsseldorf und ab Mitte September auch in Mönchengladbach.

Picnic geht auf verwöhnte deutsche Kunden ein

In der fußballaffinen Vitusstadt am Niederrhein, hat man eine große Zentrale im Zentrum angemietet. Dort stehen 15 kleine Elektro-Vans bereit, um auf die Bestellungen der Kunden zu reagieren. Das Interesse ist groß. Laut Picnic Mitgründer Frederic Knaudt haben sich schon rund 2.500 Mönchengladbacher für den neuen Dienst registriert. “Wir merken heute bereits, dass es für viele selbstverständlich ist Reisen, Bücher oder Kleidung online zu bestellen. Und da ist der Schritt zu Lebensmitteln heute nur noch ganz klein und wir sind fest davon überzeugt, dass die Zeit dafür jetzt reif ist”, sagt Knaudt.

Picnic Mitgründer Frederic Knaudt                          (Quelle: www.picnic.app)

Bisher ist es aber noch keinem Anbieter gelungen, die deutschen Kunden, die im Lebensmittelbereich als verwöhnt gelten, zufrieden zu stellen. Im Land in dem der Discounter Aldi erfunden wurde, guckt man stark auf den Preis und erwartet trotzdem top Qualität. E-Commerce Experte Professor Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein geht jedoch davon aus, dass Picnic dabei ist, diese schwierige Aufgabe zu lösen.  “Picnic hat im Grunde die Zustellung anders aufgesetzt als andere Händler, die sich in diesem Bereich versucht haben.“

Zustellungskosten als Nadelöhr

Bisher knappsten die vor allem an den sehr hohen Zustellungskosten, bei relativ geringen Durchschnittseinkäufen. Im Grunde darf die Zustellung nicht mehr als fünf Euro kosten, sagt etwa Rewe. Und das wird in der Regel nicht eingehalten. Picnic geht hin und holt wieder das alte Milchmann-Modell aus der Schublade. Zugestellt  wird zu einem festen Termin in der Woche. Das versetzt Picnic auch in die Lage gebündelt eine ganze Straße oder sogar einen Stadtteil komplett zu beliefern. „Und deswegen sind sie sehr viel günstiger”, sagt Heinemann.

E-Commerce Experte Prof.Dr.Gerrit Heinemann (Hochschule Niederrhein)

So könnte das Start-up das schaffen, was große Supermarktketten und Discounter bisher nicht einmal versuchen: Kunden von daheim Lebensmittel online bestellen lassen und zu günstigsten Preisen kostenlos nach Hause liefern. Sollte der Kunde seine Gewohnheiten ändern – also Parkplatz  suchen, an der Kasse zu stehen, schwere Einkaufstaschen schleppen – könnten nach Schätzungen von Professor Heinemann in den nächsten 5 bis 10 Jahren Milliarden Umsätze aus dem Supermarkt ins Onlinegeschäft wandern. Heinemann: “Ich glaube, dass wir in zehn Jahren nicht bei zehn Prozent Online-Anteil im Lebensmittelbereich sein werden. Wenn überhaupt, irgendwo zwischen fünf und zehn Prozent. Aber das ist schon ein riesen Betrag. Da sprechen wir schon über 10 bis 20 Milliarden Euro Umsatz, die den anderen Lebensmittelhändlern fehlen werden.” Und wer einmal Online seine Lebensmittel einkaufe, der gehe nicht so schnell zum alten Modell zurück. Deswegen sei das Thema nicht zu unterschätzen.

Das zeigt auch der Blick ins europäische Umland. Während in Deutschland der Online Lebensmittelhandel noch unter einem Prozent liegt, sieht der Markt bei den Nachbarn schon ganz anders aus. “In Frankreich zum Beispiel, da sind  wir wahrscheinlich schon bei über fünf Prozent Online-Anteil. Auch in Großbritannien liegen wir schon bei fast sieben Prozent. Da ist Deutschland eine echte Ausnahme. Das ist eben der “typische” Deutsche, der sehr sparsam nach dem Motto “Geiz ist geil” einkauft. Das ist ein großer Unterschied”, so Heinemann.

Picnic und Amazon Fresh: Bequemlichkeit schlägt Geiz

Aber Bequemlichkeit schlägt alles. Das hat das Internet nicht allein durch den Erfolg des Online-Riesen Amazon eindrucksvoll bewiesen. Mit Büchern fing es an und die Lawine rollte weiter vom Buchladen, über den Sporthändler, zum Plattenladen und jetzt scheint der Supermarkt an der Reihe zu sein. Auch Amazon ist, wenn auch für viele noch unbemerkt, im Lebensmittelbereich unterwegs.

„Geiz ist geil!“, aber Bequemlichkeit noch geiler

Und so glaubt Heinemann, das Picnic und Amazon Fresh den Online Lebensmittelhandel in Zukunft zu 50 Prozent unter sich aufteilen werden. Heinemann: “Amazon Fresh ist momentan in deutschen Metropolen aktiv, wie Berlin, Hamburg, mittlerweile auch München.  Amazon verfolgt dabei eine sogenannte Wasserfall-Strategie. Das heißt, man erobert eine Metropole nach der anderen. Danach die Oberzentren.” Bis dann auch kleine Städte, wie etwa das niederrheinische Viersen beliefert werden könnten, wo der Konkurrent Picnic bereits ein großes Lager unterhält, würden aber wahrscheinlich noch zehn Jahre vergehen.

Trotzdem muss der deutsche Lebensmittelhandel aufpassen. Nach Einschätzung des Professors aus Mönchengladbach müsse man jetzt sehr viel mehr tun, um in der Entwicklung mithalten zu können. Denn die Digitalisierung der Lebensmittelbranche sei nicht aufzuhalten und könne sich sehr schnell zu einer gefährlichen Falle entwickeln, wenn man sich mit weniger Umsatz zufrieden gebe, so Heinemann. “Dieses stehen bleiben und nicht mitgehen, nennt man Bärenfalle. Im Grunde lässt man sich von den Konkurrenten einkreisen, bis dann irgendwann ein Punkt erreicht ist, wo man nicht mehr in der Lage ist aufzuholen und dann greift der Bär an- so wie Amazon.”

Und Picnic.